Erinnern und Erzählen

Aleida Assmann, seit vielen Jahren mit dem Thema kulturelles Gedächtnis befaßt, sagte in einem Gespräch mit Jakob Augstein, das Erinnern sei „ja sehr eng mit dem Erzählen verbunden“. Das verträgt sich sehr gut mit der Forderung, heute neu in Dimensionen eines Europas zu denken, eine aktuelle Idee von Europa zu entwickeln.

In diesem Zusammenhang empfiehlt Assmann „eine neue Form des Geschichtsdenkens“. Dabei wurde sie folgendermaßen konkret: „Anstatt dass man monologisch in den Grenzen der Nation denkt und nur fragt, was sie erlebt hat, denkt man über die Grenzen hinweg und schließt die Nachbarn und Opfer der eigenen Politik mit ein.“ [Quelle]

Das steht im wohltuenden Kontrast zum Gesäusel und Geplärre jener vaterländischen Kräfte, die schon seit den 1980er Jahren so auffallend an den politischen Entwicklungen der Welt leiden und daher aggressiv nach rechts gehen, weil sie nicht verstehen (wollen) was seit Jahrtausenden geschieht: die sozialen Systeme werden allerweil größer. Wir sind inzwischen gefordert, in der Kategorie „Die Menschheit“ zu denken.

An Herbert Kickl sieht man es so deutlich. Er ist als Innenminister fulminant gescheitert, verzehrt sich weiter nach Größe in diesem Zwergenstaat. Und das im Gebrüll seiner Entourage, die behauptet, er sei angeblich der beste Innenminister der zweiten Republik gewesen. Unter solchen Zeichen drängt er in dieses Amt zurück, trägt seine gehabte Kränkung offen zur Schau.

Dabei kommen christlichsoziale Kräfte derzeit kaum nach, sich von ihm und seinesgleichen zu distanzieren, womit die ÖVP-Granden schon mitten in der jüngsten Regierungskrise begonnen hatten, auf daß nur ja wenig von den Malversationen, die so nach und nach aufgedeckt werden, an ihnen haften bleiben. Es wollen ja demnächst neue Wahlen geschlagen werden.

Narrative! All diese Funktionäre stricken an Erzählungen, welche etabliert werden wollen. Assmann, die mir gemeinsam mit ihrem Mann Jan über die Jahre immer wieder wesentliche Denkanstöße gegeben hat, wo Fragen des Erinnerns anstanden, betont in Fragen der Geschichtsbetrachtung drei Aspekte besonders: Empathie, Identifikation und Ethos.

Rückblicke. Deutungen. Rekonstruktion. An eine Stelle sagte Assmann: „Diese Geschichte der Rekonstruktion zeigt, dass man sich etwas aussucht und dabei gleichzeitig von etwas heimgesucht wird. Erinnerung lässt sich nicht so einfach steuern.“

Das verdeutlicht vielleicht die Relevanz von Narrativen. Um es in meinen Worten auszudrücken, wie ich das hier in der regionalen Wissens- und Kulturarbeit betone: Wir erzählen einander die Welt.

Das ist zugleich einer der Gründe, weshalb ich Kulturschaffende so energisch den Deutungseliten zurechne und in diesen Kreisen ein entsprechendes Selbstverständnis erwarte. In der Provinz, in meinem Lebensraum, war nun über Jahre zu beobachten, wie Definitionsmacht an die Politik abgegeben wurde und der regionale Journalismus dem stellenweise gegen entsprechende Bezahlung zuarbeitet.

Wissenschaft meldet sich kaum noch zu Wort und Kulturschaffende reihen sich fügsam ein, um ein Klima mitzutragen, in dem kein kritischer Diskurs mehr vorkommt; sieht man vom üblichen Gezänk und Geplärre in den Social Media ab.

Das ist eine etwas verkürzte Darstellung, aber leider kaum von merklichen Akzenten kontrastiert. Wir haben nun etliche Jahre verbracht, in denen es ständig Wahlen gab. (In bald zwei Monaten ist es wieder so weit.) Dabei hat die Regionalpolitik einge Seiten entwickelt, von denen aus beschwichtigt wird, Propaganda betrieben wird, kreidefressende Jasagerei grassiert. Zugleich sehe ich, daß auch in meiner nächsten Umgebung allerhand Leute den aufrechten Gang verlernt haben.

Ich vermute, das ist alles ganz banal und zählt zu den üblichen Konjunkturen menschlicher Gemeinschaft. Ich vermute, innerhalb solcher Entwicklungen haben wir alle Freiheit, eigene Positionen zu präzisieren. „Wir (nämlich jene Lebewesen, die ‚Organismus‘ heißen) sind Röhren, durch deren eine Öffnung die Welt hereinfließt, um durch die andere wieder hinauszufließen.“ So hat Vilém Flusser seinen anregenden Essay „Räume“ eingeleitet.

Wir. Wir haben derzeit gut zu tun, um die Sonderrechte meiner Generation angemessen auszuwerten. Sonderrechte? In der gesamten Menschheitsgeschichte ist vor uns keine Generation mit so einem Ausmaß an Freiheit, Sicherheit und Wohlstand aufgewachsen.

Das war nicht überall so, aber hier ist es so gewesen. Wenn die Narrative eines Herbert Kickl alles wären, was dabei herausgeschaut hat, müßte ich mich von einem Brücke stürzen.

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Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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