Kulturpakt III: Exkremente vergolden

„Bist Du zu blöd oder willst Du nicht?“ Mit dieser unvergeßlichen Frage hatte sich mein strenger Lehrherr ab und zu vertraulich an mich gewandt. Damit wollte er ausdrücken, daß ich in einem Arbeitsergebnis unter meinem Potential geblieben sei und mir meine Talente ein besseres Ergebnis gestatten würden.

Als ich kürzlich in der Zeitung „Die Presse“ einen geharnischten Kommentar von KommR. Ing. Helmut Forstner las („Sind Steuerzahler alle Vollidioten?“), in dem er uns Kunstschaffende die Leviten liest, dachte ich zuerst: „Bist Du zu blöd oder willst Du nicht?“

Ich muß zugeben, unmittelbar danach dachte ich: „Und für den Diplomingenieur hat’s nicht gereicht?“ (Scherz beiseite!)

Ich hab schon so oft in meinem Leben halbgebildete Schnösel abschätzig über die Gegenwartskunst und unser Milieu infame wie unzutreffende Dinge sagen gehört, da bringt mich der Herr Kommerzialrat jetzt auch nicht aus der Ruhe.

Mehr noch, ich danke ihm den vorzüglichen und präzisen O-Ton, der sich als unbezahlbares Anschauungsmaterial eignet, um ein paar Fragen von gesellschaftspolitischer Relevanz zu erörtern.

Der Herr Ingenieur schreibt bei genauerem Hinsehen ja hauptsächlich nicht über die Kunst, sondern über den Kunstmarkt. Verblüffend, daß ihm selbst dieser Umstand offenbar verborgen bleibt, wo er doch als Kommerzialrat firmiert, also von Wirtschaft etwas verstehen sollte.

Sein einleitender Satz ist gut verständlich und leicht nachvollziehbar: “Ich habe auch nichts gegen Künstler, die gebrauchte Tampons auf ein Blatt Papier kleben, Exkremente vergolden und diese dann als Kunstgegenstand verkaufen wollen.“

Er bedenkt gleich weite Kunstgenres ebenso mit Toleranz: „Und ich habe nichts gegen Regisseure, die Schauspieler nackt auf der Bühne springen lassen und in astreinem Hochdeutsch fäkalsprachliche Wörter parlieren lassen.“

Zwischen den Zeilen lesen wir: Was er, nämlich Forstner, für Kunst hält, gefällt ihm nicht. Daß er, nämlich Forstner, mit solcher Kritik bloß ein Promille-Segment des Kunstgeschehens anspricht, weiß er mangels Sachkenntnis nicht.

Wir könnten aber übereinstimmen: Wo sehr viel Geld bewegt wird, finden sich auch Falschmünzer, Roßtäuscher und allerhand Gesindel ein. Das gilt für seine wie für meine Branche. Wer Kriterien braucht, um sich zu schützen, muß sich Sachkenntnis erarbeiten; dann wird meistens nichts schiefgehen.

Die folgende Passage halte ich für einen Kernsatz seiner Kritik:
„Das alles stört mich nicht, solange es nicht mit öffentlichen Geldern (Steuergeldern) gefördert wird und der Künstler sein Werk selbst zum Marktwert an den Privatmann (und nicht an ein staatliches Institut) zu bringen versucht.“

Das ist besonders drollig, denn es schrammt an der Tatsache „Kunstmarkt“ schwungvoll vorbei.

Und jetzt raten Sie einmal, warum etwa in der Schweiz und in Luxemburg seit Jahren neue Hallen in Zollfreilagern gebaut werden; und zwar Lagerhäuser, die ganz speziell für Kunstwerke adaptiert sind und deren Personal mit dem entsprechenden Klientel umzugehen versteht.

Ich verrate es ihnen:
Erfolgreiche Kolleginnen und Kollegen des Herrn Kommerzialrat wissen inzwischen kaum noch, wohin mit dem Geld, das sie verdient UND dem Schwarzgeld, das sie dem Gemeinwesen des jeweiligen Landes entzogen haben. Die wollen das Geld — so oder so — nicht zuhause im Safe stapeln, sondern vermehren.

Dabei haben sich inzwischen Kunstwerke als vorzügliche Investitionsmöglichkeit erwiesen. Das bedeutet (polemisch verkürzt), daß nicht nur, aber auch kriminelle Wirtschaftstreibende den Kunstmarkt anheizen und mit sauberem aber auch mit reichlich Schwarzgeld über das Kunstfeld ihren Profit maximieren.

Da ist er, der Markt, von dem Herr Kommerzialrat implizit schwärmt. Unter den Profiteuren sind nur selten wohlhabende Künstler, wie der ökonomisch unegwöhnlich erfolgreiche Hermann Nitsch, den Forstner wegen Steuervergehen kritisiert und ihn — vollkommen inkompetent — als idealtypisches Beispiel für österreichische Kunstschaffende vorführt.

Das ist also der von Forstner verschwiegene Markt, auf dem manche Künstler ihr Werk „selbst zum Marktwert an den Privatmann“ bringen. Naja, natürlich nicht selbst. Der Herr Ingenieur, „seit über 30 Jahren in der Glasindustrie tätig“, fährt ja auch nicht selbst mit den Glasscheiben zu den Baustellen. Oder?

Forstner schreibt: „Kunst ist keinem Wettbewerb ausgesetzt“. Ach, was er alles nicht weiß! Allein die oben erwähnten Zollfreilager illustrieren einen ökonomischen Wettbewerb auf so hohem Niveau der Summen, derlei Umsätze möchten ihn bei seinen Produkten sicher auch freuen.

Forstner schreibt: „Der Künstler hat nichts mit dem schnöden Mammon zu tun. Er schwebt in Sphären, in denen er täglich von der Muse geküsst wird. Geld ist kein Thema…“

Diese Haltung unterstellt er uns, was einen dunklen Fleck in seinem Herzen verrät. Ich kennen keinen Professional unter den Kunstschaffenden, der so einen Mumpitz rausschieben würde.

Aber ich kenne heute genug gut situierte Bürger, die genau das, „Moral“ und „Höhere Werte“, gerne an uns Künstler delegiert sehen würden, um selber unbehelligt ihren Geschäften nachzugehen und da, wo sie ins Kriminelle tendieren, sich keiner Frage nach „Moral“ und „Höheren Werten“ zu stellen.

Was ihm dann noch völlig unbekannt ist: Wo aber der Staat in den Kulturbereich investiert, Kunstprojekte fördert, darf man mindestens zwei Bereiche grundlegend unterscheiden. Da wäre der Sektor der „Supertanker“, also Staatsopern, Museen etc., die astronomische Summen kosten.

Und da wären jene Projekte, in denen Legionen von Kunst- und Kulturschaffenden für eher bescheidene Jahreseinkünfte ganzjährig dazu beitragen, daß es in diesem Land — jenseits der Institutionen — ein vitales geistiges Klima gibt. Das zu erkennen verlangt freilich nach geputzten Scheiben und wachem Interesse am Gemeinwesen.

Die Quelle
+) Die Presse: Kunst und Kultur: Sind Steuerzahler alle Vollidioten? [link]

Weiterführend
+) Format: Kapitalflucht in die Kunst [link]
+) Neue Zürcher: Ölgemälde und Goldbarren im Betonbunker [link]
+) Der Spiegel: Kunst im Bau [link]

— [Kulturpakt Gleisdorf III] [Generaldokumentation] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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