Was unverzichtbar bleibt

Ich hab heute keinen Zweifel mehr, selbst jene, die sich per Deklaration dem Gemeinwohl verschrieben haben, sind teilweise unermüdliche Repräsentanten der Eigennützigkeit. Das ist unanfechtbar und per Diskurs nicht zu ordnen.

(Eine Arbeit von Christian Strassegger)

Wenn ich an der Zuversicht festhalten darf, dann vor allem deshalb, weil zwischen den fröhlichen Egoisten-Rudeln zum Glück noch genug Menschen bleiben, die um andere Positionen und Verhältnisse ringen.

Es kann also nicht darum gehen, sich dem Pessimismus in die Arme zu werfen oder sich womöglich einer Weltuntergangs-Sekte anzuschließen.

Ich habe bisher keinesfalls angenommen, Kunst- und Kulturschaffende seien „bessere Menschen“, aber mir schien Folgerichtigkeit ein konstituierendes Element der Arbeit. Also war ich der Ansicht, wer sein Denken, Reden und Tun nicht wenigstens in ein Fließgleichgewicht bringt, beraubt sichselbst etwa in künstlerischer Praxis brauchbarer Ergebnisse.

Das war viel zu naiv gedacht.

Inzwischen scheint mir, es bleibt nur die individuelle Anschauung einer Person, die konkrete Einlassung, dann wird man sehen, womit man es zu tun hat. (Ethos hat keine allgemeine Verbindlichkeit.)

Schrittweise lassen sich so Nischen gewinnen. Ich möchte etwa für den Kernbereich der Schlüsselpersonen bei „kunst ost“ heute ausschließen, daß diese Leute vom Eigennutz überrannt werden könnten und auf Kosten anderer expandieren würden.

(Eine Arbeit von Christian Strassegger)

Das ist für mich ein wichtiger Zusammenhang, ohne den ich vermutlich an diesem ganzen Engagement nicht festhalten könnte. Ich finde auch auf der Meta-Ebene Leute mit solchen Qualitäten. Da ringen wir um Mittel und Wege, dieses Kulturprojekt durch jede Schwierigkeit, durch jede Serie von Belastungen zu führen. (Sowas schafft nur ein engagiertes Kollektiv.)

Andere verstehen Kooperation als etwas, wo ihr Part ihnen bedeutet, daß sie sich um ihre eigenen Vorteile kümmern müssen; und zwar NUR um ihre Vorteile. Das ist eine etwas gespenstische Orientierung. Doch es läßt sich solchen Leuten nichts zurufen. Und es scheint so zu sein, daß sie ein stärker gemeinwesenorientiertes Arbeiten anderer eher als eine Art Schwäche oder Makel deuten, aus dem sie offenbar zusätzliche Legitimität für ihr Expandieren beziehen.

Ich denke, gegen solche Positionen kann man einzig durch ANDERES VERHALTEN vorgehen. Ich drücke es vorzugsweise so aus: Das Kulturfeld ist, wie auch etliche andere Metiers, enorm anfällig für Eifersucht und Mißgunst. Oft bekämpfen Zwerge andere Zwerge aus mitunter schwachen persönlichen Motiven.

Gerade Menschen mit inhaltlichen Schwächen (Kunstdiskurs, kulturpolitische Fragen) zeigen sich dabei oft besonders anfällig. Fragen um Geld und öffentliches Ansehen sind in den meisten Fällen Anlässe für Kontroversen, denen selbst gute und (vorerst) stabile Projekte zum Opfer fallen.

Daher gibt es in unserem Netzwerk ein paar eiserne Regeln und wer immer sich mittelfristig nicht aufraffen kann, diese Regeln in ihrer Gesamtheit zu achten und zu vertreten, kommt für eine nähere Kooperation nicht weiter in Betracht.

Die Einhaltung der Regeln muß explizit eingefordert werden, ihre mehrmalige Mißachtung muß Konsequenzen haben. Die Regeln lauten:

Wir zentralisieren nicht.
Wir bevorzugen eine Mehrheit völlig eigenständiger, stabiler Formationen, Initiativen, die an verschiedenen Orten der Region wirken. Ein Zusammenziehen von aktiven Leuten an bloß einem Ort ist unakzeptabel.

Kommunikation
Wechselseitiges Informieren, das Dokumentieren von Teilprojekten und die Ablehnung verdeckter Intentionen sind vorrangig.

Kooperation
Das bedeutet, ich will die Prioritäten anderer kennen, ich setze die Schritte nicht nur zu meinem Wohl, sondern zum Wohl des gesamten Projektes, das allen Beteiligten nützen soll. Kein Teilsystem soll ein anderes oder die anderen dominieren.

Niemand wird bekämpft
Auch Dissens ist fruchtbar. Doch manche können einfach nicht mit einander; bis an die Grenze von Feindseligkeit. Solche Emotionen sind im Konfliktfall normal, doch wer gegen andere interveniert, wer Kampfmaßnahmen in Erwägung zieht, um andere zu beschädigen, hat in unseren Projekten nichts mehr verloren.

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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2 Antworten auf Was unverzichtbar bleibt

  1. Eigennutz und Gemeinnutzen

    „Heute, unter der Herrschaft der Monopole, widerstreitet die Betätigung des Eigennutzes oft genug dem gemeinen Wohl. Daher die gut gemeinten Ratschläge der Moralisten und Ethiker, den Eigennutz zu bekämpfen. Sie haben nicht begriffen, dass der Eigennutz an und für sich durchaus am Platze ist, und dass es nur einige rein technische Mängel unserer Wirtschaft sind, derentwegen der Eigennutz so häufig zu Ungerechtigkeiten führt. In einer monopolbefreiten Wirtschaft hingegen, in der es nur eine Art des Einkommens, den Lohn, geben wird, laufen Eigennutz und Gemeinnutz dauernd parallel. Je mehr die Einzelnen dann, ihrem Eigennutz gehorchend, arbeiten, umso besser werden sie den Interessen der Allgemeinheit dienen.

    Der heutige endlose Widerstreit zwischen Eigennutz und Gemeinnutzen ist eine ganz zwangsläufige Folge des herrschenden Geldstreik- und Bodenmonopols. Eine von diesen beiden Monopolen befreite Wirtschaft entzieht diesem Widerstreit für immer die Grundlage, weil in ihr der Mensch aus Eigennutz stets so handeln wird, wie es das Gemeininteresse erfordert. Die seit Jahrtausenden von Religionsgründern, Religionslehrern, Philosophen, Moralisten usw. aufrecht erhaltene Lehre von der Sündhaftigkeit der menschlichen Natur wegen ihrer Eigennützigkeit findet damit ein für allemal ihr Ende. Es ist keineswegs notwendig, dass wir, diesen Lehren folgend, uns durch Äonen hindurch abmühen, um uns selbst zu überwinden, um eines Tages vielleicht doch noch gemeinnützig zu werden – sondern wir können schon jetzt, heute, in dieser Stunde, die Verbrüderung der bisherigen Widersacher Eigennutz und Gemeinnutz vollziehen. Es ist dazu nicht erforderlich, dass wir den Menschen reformieren, es genügt vielmehr, wenn wir das fehlerhafte Menschenwerk, unser Geldwesen und Bodenrecht, ändern.“

    Otto Valentin (aus „Die Lösung der Sozialen Frage“, 1952)

    Dass eine Menschheit, die bereits Raumfahrt betreibt (und in „God´s own country“ schon wieder einstellen musste), sich noch immer im zivilisatorischen Mittelalter (Zinsgeld-Ökonomie) befindet, beruht auf dem kollektiven Wahnsinn der Religion (= selektive geistige Blindheit gegenüber makroökonomischen Konstruktionsfehlern):

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

  2. der krusche sagt:

    ich bin mir unklar, wie ich darüber denken mag, wenn jemand kommentarleisten nutzt, um seine werke zu promoten. aber ich gehe einmal davon das: das werte publikum wird seine schlüsse ziehen.

    ohne unklarheit bin ich bezüglich mancher zuschreibungen.

    solche polemik mißfällt mir: „kollektiven Wahnsinn der Religion“. das sind unpräszise satzteile, die nichts klären.

    auch sowas: “ selektive geistige Blindheit“… ist ja vor allem eine art pathologisieren von andersdenkenden. ich meine, harte kritik kann ohne derlei schlampigkeiten auskommen.

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