Patriot und Purist

Nun feiern sich pathetische Pessimisten als puristische Patrioten. Oder wie kann ich mir diese nicht endenden Litaneien erklären? Zwischen all dem, gut verteilt, soweit man „links“ und „rechts“ noch für ein relevantes Koordinatensystem hält, die Zyniker.

Dieses Brummen und Summen umgibt mich nun schon Monate, womöglich Jahre, als würden Baumaschinen vor meinem Fenster beständig baggern und ackern. Welche Abschätzigkeit hätten die verschiedenen Lager einander noch nicht zugeschickt?

Österreich bekommt also nun eine Regierung, in der rechtskonservative Kreise dominieren, weil die Wahlen das so ermöglicht haben. (Sollte man nun Wahlen abschaffen?) Eine Koalition der Schwarzen mit den Grünen scheint vorerst zu gelingen. (Dem PR-Gag „Türkis“ verweigere ich mich.) Schon lese ich davon, daß jemand „machtgeil“ sei.

Gestatten die Frage: Kennen ihro Gnaden auch akzeptable Gründe, um ein Regierungsamt anzustreben? Oder möchten wir daran festhalten, dem politischen Personal ab nun nur noch moralische Defekte zu unterstellen, was ein guter Beitrag wäre, redliche Leute vom Feld der Politik zu verjagen?

Dieser Tage las ich von einem Grünwähler, diese Koalition mit einigen ihrer Details fühle sich an, als habe man ihm „ins Gesicht gespuckt“. Das nenne ich pathetisch. Und es ist eine brüskierende Anmaßung.

Mir gefallen Leute mit Potential zum Sündenfall, bei leistungsstarker Kontrolle durch diverse Institutionen (Z.B.: die Vierte Gewalt), weit besser als heuchelnde Mönche. Weshalb meint denn so ein Seelchen, eine an Mandaten schwächere Partei müsse in einer Koalition a) genau seinen Erwartungen entsprechen und b) möglichst ohne jede Widersprüchlichkeit, vor allem c) ohne Sündenfall sein?

Was für eine deprimierende Spießer-Phantasie, die sich Realpolitik in solcher „Reinheit“ träumt. Was für ein irrationales Konzept der Selbstüberhöhung, sich nun angespuckt und beleidigt zu fühlen, weil eine Gruppierung, die man gewählt hat, nicht in allen Punkten so praktiziert, wie man es sich vorstellt.

Da sind ja Strache-Fans noch kohärenter, die ihrem Idol anhängen, ganz egal, was der Kerl treibt. Das ist in seiner Vernunftfreiheit wenigstens schlüssig. Auf die Art hängt man ja auch einem Fußballverein an, egal, was der treibt.

Das klingt dann zum Beispiel so: „Panzer rollen durch Afghanistan, Panzer rollen durch Madrid, seht Euch die Green Army an, alles zittert vor Rapid.“ Wahlweise: „Eine Frau für eine Nacht, Rapid fürs ganze Leben!“ Da weiß ich dann, daß die Mutter der Deppen wieder einmal schwanger war und kenn mich aus, finde mich zurecht.

Aber diese pathetischen Pessimisten als puristische Patrioten, diese ewig Wehklagenden und Räsonierenden, denen offenbar jede Partei in der Regierung recht ist, um Abschätzigkeiten zu verbreiten, wenn das derzeit das letzte Aufgebot unserer Demokratie wäre, würde ich mir eventuell eine Knarre beschaffen.

— [Das politische Feuilleton] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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