Wo das Essen herkommt

Der Begriff „Gemischtwarenhandlung“ ist etwas aus der Zeit gefallen. Der Grund dafür ist banal. Es gibt kaum noch welche. Drei Konzerne kontrollieren Österreichs Lebensmittelmarkt. Die Supermarktketten haben Jahrzehnte eine harte Standortpolitik verfolgt. Viele Nahversorger gaben auf.

Nicht so Gregor Mörath, der im Zentrum Gleisdorfs seine Position behauptet. Sein Betrieb ist eine zeitgemäße Deutung des Begriffs Gemischtwarenhandlung. Dort sind außerdem auch Produkte von landwirtschaftlichen Betrieben aus der Umgebung erhältlich.

Details: Kaufmann Gregor Mörath erklärt mir, daß Bosnische Zwetschgen nicht zwingend aus Bosnien kommen, sondern eien eigene Sort sind; merklich größer als unsere Hauszwetschgen

Gelegentlich frage ich Gregor Dinge wie: „Wenn aus irgendwelchen gründen eine Woche lang keine Lastwagen fahren könnten, wie lange würde ich bei Dir was kaufen können?“ Ich hab nicht das geringste Talent zum Selbstversorger, bin also auf Kaufleute angewiesen. Und im Krisenfall wäre ich es auch auf eine bäuerliche Landwirtschaft, denn die industrielle Landwirtschaft würde uns dann wohl ebenso freundlich bedienen, wie die Erdöl-Lobby, wenn die Zeiten schwierig werden.

Es gibt noch eine andere Option in diesem Zusammenhang. Der Gleisdorfer Bioladen ist nicht nur Kaufhaus, sondern auch Umschlagplatz für Informationen. Barbara Regelsberger, die das Geschäft betreibt, ist Fachfrau im Bereich der Bodenkultur und versiert in Ernährungsfragen, sie befaßt sich aber auch mit den größeren Zusammenhängen solcher Themen. [link]

Stichwort Ernährungssouveränität. Das bezieht sich, grob zusammengefaßt, auf die Frage, ob für uns alle ausreichend sauberes Wasser und leistbare Lebensmittel angemessener Qualität verfügbar sind. Und zwar weltweit. Das ist keine Selbstverständlichkeit!

Bäuerin Gerti Amplatz (links) und Barbara Regelsberger vom Bioladen reden aus der Praxis und verknüpfen so Informationen zum Thema Ernährungssouveränität auf greifbare Art.

Wie wir zur Zeit schon erhebliche Abhängigkeit und teils abenteuerliche Preisentwicklung bei Treibstoffen und in anderen Energiebereichen erleben, gilt Ernährung als das ganz große Geschäft der Zukunft, das zu ebensolchen Verhältnissen neigt. Wer das Stichwort „land grabbing“ in eine Suchmaschine haut, bekommt nichts Freundliches zu lesen. Letzten April fand eine internationale Konferenz zu diesem Thema statt: [link]

In Krems hat gerade das „Europäische Forum für Ernährungssouveränität“ (Nyeleni Europe 2011) getagt: [link] Regelsberger war Teil der über 400 Delegierten aus 34 europäischen Ländern. Sie berichtete im Bioladen von den Ergebnissen dieser lebhaften fünf Tage.

Das Ziel solchen Engagements ist unter anderem ein entsprechender Wissensstand der Kundschaft, damit wir uns nicht alle der Waren- und Preispolitik von bloß drei großen Konzernen ausliefern, die den Lebensmittelmarkt in Österreich kontrollieren.

Dazu ist es auch unverzichtbar, daß bäuerliche Landwirtschaft gegenüber der Agrarindustrie bestehen kann und daß nötiges Fachwissen erhalten bleibt, daß aber auch weltweite Entwicklungen der Branche beachtet werden.

Bei einer Gesprächsrunde im Bioladen, wo Regelsberger von „Nyeleni Europe 2011“ berichtete, meinte Wirt Gottfried Lagler lapidar: „Niemand jammert, wenn das Benzin teurer wird, aber alle jammern, wenn die Suppe mehr kostet.“ Die Marktsituation handelt seit Jahrzehnten von immer wieder steigendem Druck auf die Bauernschaft. Bäuerin Gerti Amplatz [link] erwähnte: „Der Bauer bekommt sieben Cent für en Kilo feinstes Mahlgetreide.“

Warum sind das auch Themen für eine Kulturinitiative? Leistbare Lebensmittel von angemessener Qualität. Nahversorgung. Individuelle Mobilität und nötige Anbindungen über öffentliche Verkehrsmittel. Das ergibt alles Faktoren, die in einer Frage nach stabilen Verhältnissen und sozialem Frieden Wirkung zeigen. Dabei fallen auch Überlegungen an, was an Wahrnehmung und Reflexionsvermögen wünschenswert ist, um auf diese Kräftespiele sinnvoll einwirken zu können.

Da stehen schnell auch kulturelle Agenda zur Debatte. Aus meiner Sicht heißt das zum Beispiel: Wenn wir einander nicht erzählen was wir tun, wissen wir nicht wer wir sind. Amplatz brachte das, auf die agrarische Welt bezogen, sehr treffend zur Sprache: „Das Morgen suchen und vom Gestern reden?“ Keine einleuchtende Perspektive.

Bei „kunst ost“ gehen wir solchen Überlegungen seit heuer konzentrierter nach; über die „Tage der agraischen Welt“: [link]

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar