KI: Nischen und Boulevard

Ich war amüsiert, als in der Auftakt-Sequenz einer extrem populären Reality TV-Serie („Dschungelcamp“) die verbreitete Ratlosigkeit gegenüber dem Thema Künstliche Intelligenz inszeniert wurde.

Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!

Gil Ofarim hat vor der KI Angst. Mirja Dumont denkt, die KI könne uns alle leicht ersetzen. Nicole Belstler-Boettcher meint, wir hätten dadurch eine „Glaubenskrise“. Patrick Romer hat keinen Tau und Hardy Krüger jr. schwadroniert, daß alles „irgendwie“ KI sei.

Auf dem Boulevard mit seinem Massenpublikum herrscht also brüllende Ratlosigkeit. So ist das eben, wenn technische Innovationen mit großem Tempo Platz greifen. Ich vermisse bisher freilich noch klare Hinweise, daß eine öffentliche Institution oder gar das politische Personal in meiner Umgebung irgendeine Art von Bildungsauftrag übernommen hätte.

Dschungelcamp: Die Original-Zitate (MP3, 385 KB)
[Quelle: RTL]

Immerhin ist längst klar, daß KI-Varianten wie mächtige Pflüge in unsere Kultur hineinfräsen. Dabei verändert sich das Gemeinwesen grundlegend. Sollte dieses Thema vielleicht in kulturpolitischen Planungsschritten langsam auftauchen?

Immerhin haben wir erst kürzlich genau diese Erfahrungen gemacht: technische Innovationen können uns überrennen und verändern dabei mindestens unser Alltags- und Arbeitsleben. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre machte das Kürzel PC Furore. Plötzlich gehörte zu immer mehr privaten Haushalten ein Personal Computer.

Es war die Zeit eines „Glaubenskampfes“, der scheinbar zwischen Profis und Laien waberte. „Hast du einen Mac oder bloß eine DOSe?“ Gegenüber den teuren Macintosh waren die preiswerteren MS/DOS-Maschinen aber im unbremsbaren Vormarsch.

Anfang der 1990er wurde Österreich über das TCP/IP an das Internet angebunden. Wieder verschobene sich vertraute gesellschaftliche Verhältnisse grundlegend. Zwischen 2004 und 2006 begann beispielsweise mit Facebook und Twitter die Ära der Social Media.

Dabei haben sich vor allem auf dem Weg durch die Corona-Krise die Welten öffentlicher Diskurse und politischer Prozesse radikal verschoben. Nun also sind verschiedene Versionen von „Künstlichen Intelligenzen“ längst wirksam, aber wir hinken als Gesellschaft mit Kompetenzgewinnen drastisch hinterher.

Ich nehme zur Kenntnis: der Boulevard ist, was er ist. Von dort kamen bisher vor allem die Gängelung von Menschen, Blutbäder und der rasant wachsende Reichtum sehr weniger Leute. Für Fortschritte in einem gedeihlichen Gemeinwesen und in Fragen der Menschenwürde haben wir Nischen, für die gesorgt werden muß.

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