Archiv für den Tag: 17. Februar 2012

Vom Beständigen der Veränderung

Es klingt auf Anhieb vielleicht ein wenig banal, aber der Satz berührt ein Thema von erheblicher Wucht: Bestand hat nur die Veränderung. So ließe sich in einem Satz das Gespräch zusammenfassen, welches ich eben mit Fotograf Richard Mayr [link] geführt habe.

Fotograf Richard Mayr

Anlaß dazu war sein Buch über das steirische Wechselland. Nein, etwas genauer, das Buch zum Film von Alfred Ninaus mit Texten von Fritz Aigner. Hier hat ein ganzes Team gearbeitet. Veränderungsschübe als das Konstante und die Komplexität der Welt, in der wir bestehen müssen; in beidem, in dieser Welt und in dieser Komplexität.

Das bietet Fragen und Aufgabenstellungen, die sich im Geschäftsleben gleichermaßen stellen wie im Kulturbereich. Und vielleicht sind die unterschiedlichen „Erzählweisen“, die kontrastreichen Codes – hier im Geschäftsleben, da im Kulturbereich –, sehr gut geeignet, als komplementär verstanden und genutzt zu werden.

Damit meine ich, die unterschiedlichen Anforderungen und Verfahrensweisen können sich als wechselseitig sehr anregend erweisen. Ein möglicher Austausch in so verschiedenen Bezugssystemen ist, das haben wir schon herausgefunden, recht spannend. Das ist übrigens auch ein wichtiger Aspekt unseres Arbeitsvorhabens bei KWW („Kunst Wirtschaft Wissenschaft“): [link] Aber damit wäre ich jetzt bei einem anderen Thema. Zurück zum Ausgangspunkt!

Geschäftsleben und Kulturbereich. Da sind zwei großen Felder in Mayrs Biographie; einerseits als Unternehmer für einen Betrieb verantwortlich zu sein (Stadtapotheke Gleisdorf), andrerseits als Fotograf sich Themen und Projekte zu erschließen. Grundverschiedene Aufgabenstellungen vor dem Hintergrund eines Kräftespiels, in dem diese Region gerade erhebliche Umbrüche erlebt.

Was verlangt also nach Bestand und worin sollte es uns gelingen Veränderungen zuzulassen oder sogar selbst zu initiieren? Ich denke, das wird noch einige Erörterungen verlangen…

Noch ein paar Takte zum Buch. Das Wechselland ist die östlichste LEADER-Region der Steiermark: [link] Regisseur Alfred Ninaus hat gerade einen Film über dieses Gebiet gemacht: [link]

Drehbuchautor ist der Gleisdorfer Fritz Aigner: [link] Von ihm stammen, wie erwähnt, auch die Texte zu Mayrs Fotoband.

Hartberger Modus

Den Modus halte ich für zukunftsweisend, weil er in seiner Basis Kooperation anlegt. Die Stadtgemeinde Hartberg hat den Raum adaptiert und zur Verfügung gestellt. Der laufende Betrieb wird unterstützt, die Veranstaltungen müssen aber von engagierten Bürgerinnen und Bürgern realisiert werden. (Der Impuls dazu stammt von „styrian summer_art“.)

Der Künstler Christian Strassegger

So das Grundkonzept der Galerie „44QM“ [link] Dort stellt zur Zeit Christian Strassegger aus. Rita Schreiner, die Leiterin des Kulturreferates, erzählte, daß die Stadt bestrebt sei, die Galerie in diesem Modus längerfristig zu führen und dafür auch größere Räume zu suchen.

Christian Strassegger, Rita Schreiner und Ludwig Robitschko

Den Modus der Kooperation, daß nämlich Politik, Verwaltung und Gemeinwesen sich gemeinsam engagieren, halte ich aus mehreren Gründen für wichtig. Er schafft Stabilität in kulturpolitischen Verhandlungen. Wo eine Kommune allein gefordert wäre, der Gegenwartskunst solche Bedingungen einzuräumen, ist die Gefahr des Abbruchs enorm groß, weil sich viele Gemeinderäte im Fall krisenhafter Entwicklungen sofort hinreißen lassen, die allerersten Streichungen im Kulturbereich vorzunehmen. Siehe dazu den Eintrag im Projekt-Logbuch: [link]

Wenn aber ein Kooperationsmodell dieser Bereiche – Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft – besteht, ist die Gefahr abschlägiger Bescheide in Gemeinderäten nennenswert gemindert. Außerdem sorgen solche Modi dafür, daß Leute aus den verschiedenen Sektoren sehr konkrete Erfahrungen mit einander sammeln, was die Chance bietet, Klischees und Ressentiments abzubauen. Die sind gerade zwischen Personen aus Kunst, Politik und Verwaltung oft erheblich. Siehe zum Thema „Vorurteile“ das Intro zur zweiten KWW-Session: [link]

Hartbergs Kulturreferent Ludwig Robitschko schilderte die lokalen Strukturen des dortigen Kulturbetriebes, der markant von einem Stammpublikum geprägt sei, das Konzert- und Theater-Abonnements schätzt. Das ist also ein sehr urbanes Konzept. Und gerade in Fragen der Urbanität sind Provinzorte natürlich stets unter Konkurrenz der nächstliegenden Zentren, in diesem Fall Wien und Graz.

Es wird also sehr interessant zu erfahren sein, welche Wege Hartbergs Kulturpolitik einschlägt. Wie angedeutet, das hier gezeigte Kooperationsmodell ist vermutlich der vielversprechendste Ansatz, um der Gegenwartskunst längerfristig Boden zu sichern und ein Publikum zu erarbeiten.