Rigides Denken: Grönland

Rechtes Denken zeigt sich natürlich auch bei Personen, die sich selbst weltanschaulich in einer entgegengesetzten Position sehen.

Angewandte Panzer-Diplomatie?

Rechtes Denken braucht kein ideologisches Fundament. Es findet zu praktisch jedem Thema Gelegenheit, um sich zu zeigen. Rechtes Denken ist eine Art von Prothesen-System. Es hilft einem beim Simulieren von aufrechtem Gang, wo man sich Haltung durch Wissenserwerb erspart hat. Nationalismus ist ein Beispiel für derlei Prothetik.

Neurowissenschafterin Leor Zmigrod betont: „Das Gehirn sucht nach Verständnis und Anerkennung: nach Kompensation für die Energie, die es aufwenden muss, um Codes zu entschlüsseln und am sozialen Leben teilzunehmen.“

Rigides Denken, wie es etwa Nationalismus ausdrückt, ist der Versuch, in diesem Bemühen Abkürzungen zu finden, sich Wissenserwerb zu ersparen und durch Komplexitätsreduktion den Denkaufwand zu verringern.

Das findet sich in allen Lagern, so auch beim Kulturvölkchen. Dieses Meme ist bemerkenswert: „GRÖNLAND gehört DÄNEMARK? Grönland war immer Amerika. Was ist jetzt mit Eurem Postkolonialismus?“ Ja, was ist damit? Und: Möchte dieses Meme sagen, Grönland stünde den USA zu?

Meint „Amerika“ in diesem Meme die USA? So der übliche Sprachgebrauch. Ansonsten wäre die Formulierung „Doppelkontinent Amerika“ angebracht. Auf dieser großen Landmasse finden wir eine Fülle von Nationalstaaten. Die United States Constitution vom 17. September 1787 markiert eine Staatsgründung, mit der aus 13 nordamerikanischen Kolonien die USA hervorgingen.

Davor führte der amerikanische Unabhängigkeitskrieg zwischen 1775 und 1783 zur Ablösung der Kolonien vom britischen Mutterland. Die USA sind daher ein Ex-Kolonialstaat, für den die Pilgerväter und andere Banden die Native Americans überwältigt hatten.

Die Insel Grönland wurde freilich schon im 12. Jahrhundert vom heutigen Kanada aus besiedelt. Draus entwickelte sich die Ethnie der Kalaallit. Ich lese, die hatten dann erst im 17. Jahrhundert Kontakt zu anderen Völkern.

(Quelle: Facebook)

Und Kanada? Dieser Teil des Kontinents war schon vor rund 12.000 Jahren durch First Nations bevölkert. Frankreich gründete dort 1763 eine Kolonie. Ab 1867 kamen britische Kolonien dazu. Kanada wurde erst 1931 mit dem Statut von Westminster staatlich unabhängig. Grönland gilt seit 1814 als autonomer Teil von Dänemark.

Die Behauptung „Grönland war immer Amerika“ ist demnach erstens sehr unscharf und zweitens nationalistischer Mumpitz. Zur Frage „Was ist jetzt mit Eurem Postkolonialismus?“ wäre anzumerken, daß die alte Ethnie der Kalaallit wohl geneigt ist, Eigenstaatlichkeit anzustreben. Damit wäre freilich der Staatshaushalt auf ruinöse Art um den dänischen Anteil vermindert. Sie sehen, es ist kompliziert.

Ich kann aus all dem nur schließen, daß Donald Trump sich hier als Konquistador einmischt, während die Frage der Eigenstaatlichkeit Grönlands heute bloß zwischen einer politischen Vertretung der Kalaallit (zuzüglich ethnischer Minderheiten auf der Insel) und dem Staat Dänemark verhandelt werden könnte. Alles andere hielte ich für eine unzulässige Einmischung von außen.

+) Rechtsruck

Postskriptchen
Eine launige Ergänzung der Absenderin des Memes lautet: „Kanada IST Amerika. (Es geht um geografische Zugehörigkeit, also Kontinente)“. Wann und wo geht es darum? In der aktuellen Debatte sicher nicht. Donald Trump gibt uns keine Lektion in Erdkunde, sondern äußert politisch und wirtschaftlich begründete Ansprüche, möchte das Staatsgebiet der USA erweitern. Die Frage nach dem physischen Kontinent ist kein vorrangiger Aspekt in einem Kolonialismus-Diskurs.