Mars: Nationalistischer Fehltritt

Das sind die Tage, an denen Präsidenten Neujahrsansprachen halten. So auch Vladimir Putin. Also dachte ich, Musiker Christoph Wundrak und die Aura-Expertin Ulrike Karolyi werden uns, dank ihrer hervorragenden Sprachkenntnisse im Russischen, ein paar interessante Aspekte von Putins Position erläutern.

Den Aggressor schönreden?

Nein, sie sprechen kein Russisch, können daher relevante Quellen gar nicht lesen. Karolyi hatte auf Facebook schon seit dem 18. Dezember nichts zu sagen, aber schließlich Neujahrswünsche deponiert: „Ich wünsche allen einen guten Rutsch ins neue Jahr! Wir feiern an unserem neuen, etwas wärmeren Zweitwohnsitz am Peloponnes.“ Wundrak hat geliked.

Der war jetzt erst einmal mit Tierleid befaßt. Das geht zu Sylvester immer, da kann man gar nichts falsch machen. Und mit einer Frohbotschaft von Klaus Bielau, der notierte: „Man hat keinerlei Beweise, dass Jesus an einem 25. Dezember und im Winter geboren wurde, und man ist sich auch über das Jahr nicht ganz sicher…“

Wie auch? Der Tekton Joseph war ja, wie seine Frau Maria, bei deren Besuch im römisch besetzten Judäa ein Nobody. Wer also hätte diese Geburt in welchen Annalen vermerken sollen? Im Vergleich dazu war Pontius Pilatus ein Superpromi, Präfekt der römischen Provinz und Angehöriger des Ritterstandes. Aber wir wissen seinen Vornamen nicht, sein Geburtsdatum schon gar nicht.

So geht also Bielau‘sche Polemik, indem er ostentativ gegen eine Wand spielt, gegen „die Anderen“, um dann seinen Punkt zu machen und gut dazustehen. Man könnte eigene Anliegen natürlich auch direkt vorbringen, ganz ohne solche Umwege auf Kosten „der Anderen“.

(Quelle: Facebook)

Bürger von Rußland, Freunde…
Wundrak wie auch Karolyi müssen übrigens kein Russisch beherrschen, um eventuell über Putins Ansprache zu berichten. Es gibt genug staatliche und staatlich kontrollierte russische Quellen, die uns authentisches Material in englischer Sprache bieten. TASS, The Moscow Times, auch der Kreml selbst liefert die „New Year Address to the Nation“.

Es spricht der Präsident: „Citizens of Russia, friends…“. So erfahren wir, welchem Phantasma Putin anhängt und wofür er eigene wie fremde Leute sterben läßt. Er ist ein romantischer Nationalist und was er leistet, ein nationalistischer Fehltritt im Geist des 19. Jahrhunderts.

Zitat Putin: “For we are united – the people of Russia. The labour, achievements, and successes of each of us add new chapters to its thousand-year history, while the strength of our unity determines the sovereignty and security of our Fatherland, its development, and its future.“ [Quelle]

Wundrak und Karolyi haben es vielleicht noch nicht bemerkt. Die schwüle Phantasie des obersten Kriegstreibers von „its thousand-year history“ ist mit keinem seriösen Nationsbegriff vereinbar. Diese Idee der Nation gibt es nicht einmal annähernd so lange. Sie wurde erst im 19. Jahrhundert konkret. (Schlag nach bei Ernest Renan!)

Dagegen erlaubt aber auch die Feudalzeit keine seriöse Beschreibung der Kontinuität einer Herrschaft über ein so großes Gebiet, über so lange Zeit, wie es Putin beansprucht, womöglich auch noch mit einer vorherrschenden Ethnie. Das ist eine Privatmythologie und geschichtswissenschaftlicher Mumpitz.

+) Mars (Eine Debatte über Krieg)

Postskriptum
Sowas haben uns Wundrak und Karolyi als implizite Basis der Exkulpierung des Aggressors Putin aufgetischt und das bis heute nicht zurückgenommen. Ein beeindruckendes Beharrungsvermögen, aber eben völlig kontrafaktisch.

Ich erzähle Ihnen dann bei nächster Gelegenheit wie interessant der Blick auf Chinas Xi Jinping ist, wenn man Putin und Trump im Blickfeld behält.