Orange: Die Anmaßung

Es kann sich ein Mann kaum erbärmlicher zeigen. Er schien unfähig, für sein eigenes Lebensglück die Verantwortung zu übernehmen und einen angemessenen Weg zu gehen.

Der larmoyante Exekutor als Bedrohung.

Also mußte er sich dazu jemandem aufdrängen, aufbürden. Dabei hat er das Nein der Frau nicht ertragen können und sich erlaubt, Menschenverachtung mit Frauenhaß hochgehen zu lassen. Ich muß diese Kanaille nicht gekannt haben und meine, über ihn kann man nur den Mantel des Schweigens hüllen, um diesen Täter vergessen zu machen, nicht aber die Tat. Ich bleibe bei meiner grundlegenden Annahme: Wo ein Mann verachtet, was er begehrt, wird es für eine Frau leicht lebensgefährlich.

Das verweist auch schon auf die semantische Fehlleistung unzähliger Medienleute. Hier nur ein Beispiel: „Hintergrund der Tat dürfte offenbar unerwiderte Liebe sein, und dass die Frau eine andere Beziehung einging…“, nachdem schon erwähn wurde: „Der Mann und die Frau standen niemals in einer Beziehung, wie ursprünglich vermutet wurde. Der Täter beging Suizid.“ (Die Presse)

(Quelle: ORF)

Es gibt keine „unerwiderte Liebe“, sondern bloß einseitiges Begehren. Liebe wäre es erst, wenn sich zwei Menschen aus freien Stücken einander zuwenden. Außerdem kann es keine Liebe gewesen sein, wenn jemand ein Leben nimmt.

Noch dazu mit einem zweischneidigen Dolch und einer Schußwaffe. (Stiche, Schnitte, mehrere Kopfschüsse.) Eine Zwergenseele bäumt sich zum großen Tragöden auf und gönnt sich die Pose des Exekutors bei einer Hinrichtung.

Um es noch einmal zu betonen: „Femizid an Lehrerin (28) in Oberösterreich: Täter und Opfer hatten keine Beziehung“ (Salzburger Nachrichten). Ich verzichte auf einen fahrlässigen Fernbefund zu den inneren Vorgängen des Frauenmörders, der mich ohnehin nicht interessiert, und beachte den größeren Zusammenhang.

In einer vorherrschenden Männerkultur, fällt es uns Kerlen offenkundig schwer, Thanatos an der Leine zu halten und Eros zu leben. Ich beziehe mich – der Anschaulichkeit halber – auf diese freudianische Deutung jenes Kräftespiels in uns, bei dem das Zerstörerische (Thanatos) und das Lebensfrohe (Eros) zwei untrennbare Anteile einer seelischen Befindlichkeit sind.

Medienanwendung schaft gesellschaftliche Realität.

Das korrespondiert mit dem Bonmot, wonach jeder von uns unter passenden Bedingungen zum Mord fähig sei. Daraus schließe ich, wir müssen auf diese Bedingungen achten und wir müssen für das eigene Lebensglück selbst die Verantwortung übernehmen, dürfen diese nicht auf jemanden abwälzen.

Wer sich dagegen Menschenverachtung und Frauenhaß gönnt, ebnet Thanatos einige Wege. Ich sehe darin einen wesentlichen Grund, weshalb wir in Gesellschaft anderer diesbezügliche Witzchen und abschätzige Bemerkungen nicht billigen dürfen. Denn damit zeigt sich die aufkeimende Billigung von derlei Fehlverhalten schon lange bevor jemand Gewalt in Erwägung zieht. Das bedeutet unter anderem, wir haben alle noch sehr viel Arbeit vor uns, dieses Klima zu verändern und jeglichen Ausdruck von Menschenverachtung zu bannen.