Orange: Der Heuchler

„Habe sie geliebt!“ Na freilich hat er. Das glaube ich ja sofort, denn ich bin hier der Dorfdepp. Bliebe noch zu klären, was einem Headliner durch den Kopf geht, wenn er so eine Zeile auf die Eins eines Massenblattes wuchtet.

Fragwürdige Kolportage.

Wofür steht dieses Sätzchen, das in dem Zusammenhang eigentlich als larmoyanter Blödsinn weggewischt werden sollte? Ich bleibe auf Mutmaßungen angewiesen, weil Ferndiagnosen unzulässig sind und weil über die genaueren Motive des Mörders noch nichts bekannt ist. (Dieser Teil der Geschichte hat ja auch auf dem Boulevard nichts verloren.)

Aber das läßt sich feststellen: Da hat eventuell ein Journalist freihändig gestümpert. Oder es ist ein von der Anwältin kolportiertes Geschwätz. Falls dieses Zitat authentisch ist, fallen mir dazu zwei Szenarien ein:
a) Der Mörder hat von seinen eigenen Gefühlen keine Ahnung und kostümiert seine Anmaßung, jemandes Leben zu nehmen, mit einem hübschen Sätzchen.
b) Die Kanaille muß sich verantworten und badet gerade in Selbstmitleid.

(Quelle: Der Standard)

Und das gibt eine Titelseite? Es kann das strategische Reproduzieren eines semantischen Irrläufers in unserer vorherrschenden Männerkultur sein. Die Liebe steht ja in ihrer Version als „romantische Liebe“ gerade zur Diskussion. Wovon ist die Rede? Liebe und Mord bleiben unvereinbar.

Wir Menschen kennen zwei wesentliche Grundbedürfnisse. Das nach Zugehörigkeit und das nach Autonomie. Ich meine, da läßt sich diese spezielle emotionale Befindlichkeit – Liebe – ganz gut unterbringen; in meiner Annahme, daß Liebe nur dort sein und gedeihen könne, wo sich Menschen ganz aus freien Stücken einander zuwenden.

Mit einer anderen Definition von Liebe möchte ich mich nicht anfreunden. Wenn nun eine Frau jemanden verlassen möchte, der sie liebt, könnte ein romantischer Klassiker schlagend werden, von dem ich nichts halte: „Er kämpft um ihre Liebe.“ Schon die Wortwahl führt in den Graben. Wie sollten Kampf und Liebe sich verknüpfen lassen? Sich aus freien Stücken einander zuwenden und um Liebe „kämpfen“, das geht nicht zusammen.

Ödön von Horváth hat das in seinem Stück „Geschichten aus dem Wiener Wald“ (1931) präzisiert. Fleischhauer Oskar läßt Marianne wissen: „Du wirst meiner Liebe nicht entgehen“. Gehen vormals Liebende auseinander, sehe ich vor allem zwei Szenarien, die – Überraschung! – zum selben Ergebnis führen:
a) Ich liebe sie, aber sie geht. Das wird meine Liebe zerstäuben und ich lasse sie ziehen.
b) Ich liebe sie, aber sie geht. Lieben heißt unter anderem: „Ich möchte, daß es dir gut geht.“ Also lasse ich sie ziehen, falls es ihr mit mir nicht gut geht.

Die Steiermark ist seit Jahren Spitzenreiter.

Was dem an Befindlichkeiten folgt, müßte man so oder so mit sich selbst ausmachen, damit fertig werden. Ich sehe da keinen weiteren Klärungsbedarf. Bliebe noch über jemanden zu reden, der die Eins eines Massenblattes zur Propagandaseite unserer vorherrschenden Männerkultur macht, denn einen Gewalttäter mit einem Liebesschwur zu zitieren, ist nichts anderes als Propaganda.

So sei nun der Mörder den Behörden und dem kommenden Verfahren überlassen. Man kann über die Kanaille ruhig den Mantel des Schweigens breiten, denn wir kennen das ja zur Genüge, haben unzählige Male von Liebesschwüren einzelner Gewalttäter gelesen. Aber wir haben über die Qualität öffentlicher Diskurse zu reden und darüber, daß Medienanwendungen ein Akt gesellschaftlicher Realitätserzeugung sind. Da verbietet es sich eigentlich, auf Kosten eines Mordopfers patriarchale Propaganda zu verbreiten.