Gleisdorfer Latein-Gehampel

Kulturreferent Karl Bauer notierte bezüglich Gleisdorfs Stadtjournal des letzten Quartals 2026 auf Facebook jüngst: „Wer behauptet, die Kulturpolitik sei fad, der/die irrt sich – sie bleibt spannend!“

Hucherl! Wie geht Bildung?

Nun weiß ich nicht, wer je behauptet hätte, daß Kulturpolitik fad sei. Es ist doch eher so, daß Kulturpolitik als Thema im öffentlichen Diskurs praktisch nicht existiert. Außer es geht um Budgets, also um öffentliche Gelder.

Dabei exponierte sich in der nämlichen Ausgabe Vizebürgermeister Harald Lembacher (FPÖ) mit einem traditionsreichen Motiv, das man auf meinem Inselchen „Intellektuellenfeindlichkeit“ nennt. Zitat: „Leider ist zu beobachten, dass die kommunalen Bemühungen oft sehr ‚kopflastig‘ sind. Es wird viel Geld in die Hand genommen, um Kunst- und Kulturaktivitäten zu fördern.“

Aber wie hat er seinen Ausritt gegen das geistige Leben der Stadt eingeleitet? Er beruft sich, um seinen Punkt zu machen, auf das geistige Erbe der Antike. Leider sah der Kulturreferent darin keinen Anlaß, entsprechend zu antworten.

Zitat Lembacher: „Liebe Gleisdorfer! ‚Mens sana in corpore sano‘ wussten schon die alten Römer. Man muss kein angegrauter Lateiner sein, um den Spruch zu kennen. Man hört ihn heute noch hier und da. Auf Deutsch bedeutet dies ‚ein gesunder Geist in einem gesunden Körper‘. Darin kommt zum Ausdruck, wie wichtig körperliche Fitness als Basis auch für die geistige Leistungsfähigkeit, ja das geistige Wohlbefinden ist. Man muss es nur selbst einmal ausprobiert haben, um zu merken, wie viel freier man im Kopf wird, wenn Sport und Bewegung für Ausgleich sorgen.“

Daran ist so gut wie alles falsch. Wer einen Klassiker zitiert, um sein eigenes Argument zu stärken, sollte von der Quelle wenigstens eine Hauch von Ahnung haben. Oder so formuliert: Wer in der Lokalpolitik den Bildungsbürger heraushängt, sollte an sich selbst Bildung nachweisen können.

Lembacher zitiert also den Satiriker Juvenal, ohne einen Tau zu haben, wovon er da schreibt. Daraus schließe ich messerscharf: dann taugt womöglich auch die folgende Argumentation nichts. Zitat: „Aus Sicht der Volkswohlfahrt muss daher ein hohes Interesse daran bestehen, die körperliche Fitness der Bevölkerung zu fördern.“

Das sollte der Vizebürgermeister (oder der Kulturreferent) mit einem Vergleich der Budgetzahlen (Sport/Kultur) auch belegen/klären können. Aber nun zu Lembachers Simulation von Bildung. Er ist dabei etwas von der kulturellen Fahrbahn europäischer Geistesgeschichte abgekommen. Womit der Stadtpolitiker seine Kolumne eröffnet hat, besagt Folgendes, Zitat:

„Damit du jedoch an den Schreinen und den heiligen weißen Schweinswürsten um etwas bitten und Gelübde ablegen kannst, musst du um einen gesunden Geist in einem gesunden Körper beten. Bitte um einen starken Geist, frei von Todesangst, der die letzte Lebensphase als Geschenk der Natur betrachtet, der jede Mühe erträgt, keinen Zorn kennt, nichts begehrt und glaubt, dass die Strapazen des Herkules wichtiger sind als die grausamen Arbeiten und das Kommen der Sardanapalli-Mahlzeiten und -Federn.“

Diese Textstelle bedeutet ungefähr das Gegenteil dessen, was Lembacher behauptet. Juvenal meinte augenzwinkernd, daß es nicht genügt, für einen gesunden Körper zu sorgen, man müsse dann auch noch um einen „gesunden Geist“ beten. Oder, was verläßlicher wäre, sich um Bildung bemühen. Immerhin genauso Arbeit wie Fitness-Training.

[Gleisdorf: Kulturpolitik]

Postskriptum
Wäre Gleisdorf tatsächlich eine Kulturstadt, wie Bauer gerne behauptet, lägen nun erstens die Budgetzahlen auf den Tisch, um Lembachers Behauptung überprüfen zu können, und hätte zweitens der großspurige Vize vorn jemandem mit Matura kurz Nachhilfe in Latein erhalten.

Ich kann das nicht leisten, denn ich bin ein gewesener Lehrbub mit Hauptschulabschluß, also ohne fundierte Lateinkenntnisse. Aber ich kann Ihnen hier die Passage aus Juvenals Werk vorlegen:

„ut tamen et poscas aliquid uoueasque sacellis exta et candiduli diuina tomacula porci, orandum est ut sit mens sana in corpore sano. fortem posce animum mortis terrore carentem, qui spatium uitae extremum inter munera ponat naturae, qui ferre queat quoscumque labores, nesciat irasci, cupiat nihil et potiores Herculis aerumnas credat saeuosque labores et uenere et cenis et pluma Sardanapalli.“ (D. Junii Juvenalis sexdecim Satirae, ad codices parisinos recensitae, Parisiis, 1823-1830)

PPS
Weiß hier eigentlich jemand, wer „Turnvater Jahn“ gewesen ist? Nach dem ist immerhin/immer noch eine Gleisdorfer Gasse benannt.

Quelle
+) Stadtjournal (September/Oktober/November 2026), Seite 4, PDF