Wir Kulturleute wußten natürlich schon bevor es Internet und Social Media gab, daß menschliche Aufmerksamkeit eine Währung ist, mit der wir Handel betreiben.

Die Regeln waren überschaubar, als dabei noch konventionelle Medienkonzerne dominiert haben. Zeitungsverlage, Radio- und TV-Stationen. Wir haben dann aus den 1970er Jahren heraus damit Erfahrungen gesammelt, eigene Zugänge zu öffentlichen Diskursen und generell zu Öffentlichkeit herzustellen. Journale und Literaturmagazine, Kleinverlage, Piratenradio, eigene Plattenlabels etc. Aber auch Straßenmusik, die Belebung der Kleinkunst-Szene, Tingeln durch die Clubs, Entwicklung und Aufbau dessen, was dann „Initiativenszene“ genannt wurde.
Das sieht heute radikal anders aus, weil über das Internet und schließlich mit den Social Media eine radikal neue Form von Öffentlichkeit entstanden ist. Sozusagen der öffentliche Raum im Cyberspace. Auch da macht sich, wie ich ehe, längst der Boulevard breit.
War uns erst noch klar, daß Sprache Realität schafft und Medienanwendung gesellschaftliche Realität herstellt, so finden ich in meinem Milieu längst Beispiele für die Simulation kulturpolitischer Diskurse, die den Weg in die regionale Praxis finden.

Das ist im Sinn einer Aufmerksamkeitsökonomie völlig konsequent. Wer hinreichend laut wird und mit dem Ausstreuen von Schlagworten gut faßbare, handliche Botschaften ermöglicht, darf vorerst einmal mit größerer Aufmerksamkeit rechnen.
Wir kennen seit Aristoteles das Begriffspaar virtuell/aktuell. Das Virtuelle, das Mögliche, ist Produkt unseres Denkens. Was davon wird dann auf welche Art aktuell?
In eben diesem Sinn bin ich sehr neugierig, welche kulturellen und kulturpolitischen Ereignisse sich in der zweiten Hälfte des 2026er Jahres konkret zeigt. Es mangelt im regionalen Kulturgeschehen nicht an den buntesten Ankündigungen.
Was aber steht dahinter? Was kommt praktisch zur Wirkung? Was taugen aktuelle Verlautbarungen? (Siehe dazu auch „Netzkultur: Nischen und Reichweite“!)