Es läßt sich nicht schönreden. Die Verachtung von Frauen sitzt in unserer Kultur tief. So tief, da führen nun auch etliche Jahre erhöhter Aufmerksamkeit für Gewalt gegen Mädchen und Frauen, zu keiner merklichen Verminderung des Gefahrenpotenzials.

Einerseits haben alle Menschen das Zeug zu Grausamkeiten, wenn die Bedingungen das begünstigen. Es ist offenbar als Möglichkeit in unserer Natur angelegt. Andrerseits verzichtet in unserer Gesellschaft ein großer Teil der Menschen auf Gewaltausübung. Es ist also kulturell an die Kette zu bekommen.
Heute ist der 9. September, an dem wir an Ground Zero denken könnten. Die Erinnerung an eine außergewöhnliche Anmaßung und enorme Gewaltausübung innerhalb bloß eines Tages. Dieselbe Art von Anmaßung steckt aber auch in dieser permanenten Gewalt gegen Mädchen und Frauen, von der die Berichte nicht abreißen. Sie kommen quer durchs Jahr in hoher Dichte daher.
Manche der Taten handeln überdies von einer individuellen Grausamkeit der Täter, die mein Vorstellungsvermögen übersteigt. Es ist diese Dichte und Kontinuität der Verbrechen gegenüber den Mädchen und Frauen, die mir das Bild eines nicht erklärten Bürgerkriegs nahelegt.

Eine Art des Krieges ist es allemal, denn diesen Gewalttaten geht generell ein Krieg der Worte voraus, wie das auch in großen Konflikten geschieht. Aus Ideologie holen sich hier einzelne Täter ihre „guten Gründe“, um sich dagegen taub zu machen, was unsere Konventionen an Gewaltverbot vorsehen.
Indem sich Männer gegen dieses gesellschaftliche Gewaltverbot taub machen, schaffen sie sich ihren Freiraum für Grausamkeiten. Wie laufende Berichterstattung zeigt, gibt es dabei keine Limits. Stand 04.09.2026 : 18 Femizide, 45 Fälle schwerer Gewalt [AÖF – Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser]
Das verdeutlicht zweierlei. Wir leben in einer vorherrschenden Männerkultur, in der wir Männer – als Teil der Spezies betrachtet – ein sehr großes Problem haben und sind. Wir schaffen es vorerst nicht, durch Vorbild und einen klaren Bann von Frauenverachtung das Klima so weit zu verbessern, daß sich die Verbrechen auf jenes Minimum reduzieren lassen, das vermutlich als Ausdruck pathologischer Fälle kaum zu verhindern ist.

Das beginnt immer an allen Ecken mit einem Krieg der Worte, denn Sprache schafft gesellschaftliche Realität, weil unser Handeln dadurch geprägt ist, was und wie wir denken. Wer demnach der Frauenverachtung Raum läßt, ohne zu widersprechen, wer Gewalt durch Sprache in der eigenen Umgebung billigt, wird zum Komplizen.
Ich zweifle nicht daran, daß es auch Frauen gibt, die an diesen Mißständen mitwirken, aber das ist ein anderes Thema. Ich sehe eine kollektive Verantwortung unter uns Männern, den Tätern den Boden sehr schmal zu machen und ihr Verhalten, ihr Reden und ihr Tun längst im Vorfeld von Gewalttaten zu ahnden, solche Typen zur Rede zu stellen, wenn man mit ihnen zu tun bekommt. Das beginn alles schon bei abschätzigen Witzchen.