Kontor Krusche: Folgerichtigkeit

Krusche | Margarethe

Die Wissens- und Kulturarbeit hat mit der Kunstpraxis gemeinsam, daß sie im Kern auf des Menschen Fähigkeit zu symbolischem Denken beruhen.

KI-Bild: Wissen Sie, was eine Lino ist? (Siehe Seitenende)

Eine evolutionäre Besonderheit, die vermutlich keine andere Spezies besitzt. Ich betone dieses „vermutlich“, weil wir es nicht genauer wissen. Falls andere Arten auch über symbolisches Denken verfügen, muß sich das uns ja nicht unbedingt mitteilen. Es gibt etliche Beispiele für solche Lücken in unserer Welterfahrung.

Ich greife ein Beispiel heraus. Es gibt Berichte, daß sich Krähen offenbar nach dem Tod eines Artgenossen um dessen Leichnam versammeln. Es scheint, als würden sie trauern. Wir wissen das noch nicht lange und wir haben keine Ahnung, was genau Krähen dazu bewegt, was solche Totenrunden ausdrücken.

Zum Kunstdiskurs
Zurück zu meinem Metier. Ich halte die Kunstpraxis für eine Art Äquivalent zu dem, was wir in der Wissenschaft Grundlagenforschung nennen. Im Falle der Kunst ist das nach meiner Meinung Grundlagenarbeit in Sachen symbolisches Denken.

Deshalb lehne ich auch Deutungen ab, die Kunst mit anderen Aufgaben befrachten. Damit kämen wir zu den angewandten Formen, zu denen ich auch die Wissens- und Kulturarbeit rechne. Allerdings, „Kunst, um zu…“ ist keine im Sinn der Grundlagenarbeit, sondern eine angewandte Praxis, wie etwa Gebrauchsgraphik, Kunsthandwerk, Dekorationswaren oder Voluntary Arts, also Hobbykünste.

Gegenwartskunst ist ein anderes Genre. Aber wie soll man das alles unterscheiden? Es sind uns seit über zweitausend Jahren Texte zum Kunstdiskurs erhalten. Wir haben also Kriterien zur Verfügung, die sich freilich laufend ändern, neu anordnen. Der Kunstdiskurs ist höchst lebendig.

Folgerichtigkeit
Für mich ergibt sich aus all dem, daß die Frage der Beachtung von Folgerichtigkeit ein zentraler Punkt in unserem Kulturgeschehen ist. Wer in der Debatte um das geistige Leben einer Gemeinschaft auf Folgerichtigkeit verzichtet, belastet das geistige Leben einer Kommune.

Wer dabei wissentlich Unwahrheit verbreitet, korrumpiert das geistige Leben, beschädigt es sogar. Weshalb ist das wichtig? Von der Qualität eines geistigen Lebens hängen etliche Aspekte des Gemeinwesens ab, vor allem die Zukunftsfähigkeit menschlicher Gemeinschaft.

Zeitenwende
Ich bin der Überzeugung, daß wir uns in einer Zeitenwende befinden, in einem Umbruch von radikalem Ausmaß. Daher meine ich, die Frage nach unserer Zukunftsfähigkeit ist derzeit so grundlegend wie nie zuvor in meiner bisherigen Lebensspanne.

Ich muß allein deshalb darauf bestehen, daß in meinem Milieu auf Folgerichtigkeit geachtet wird. Was das praktisch meint, hat KI-Persona Margarethe unmißverständlich so formuliert: „Beleg und Deutung getrennt — was die Dokumente zeigen und was ich daraus schließe, steht an verschiedenen Stellen und ist als verschiedenes erkennbar.“ Und dazu: „Meinung erlaubt, aber gekennzeichnet — was nicht belegt ist, darf gesagt werden, muss sich aber als Meinung zeigen, nicht als Befund.“

Da wären wir übrigens bei traditionellen Grundprinzipien des Journalismus. Wer das in der Nutzung etwa von Social Media ignoriert, weist seine Statements als Bassena-Kram und Boulevard-Gewäsch aus. Man kann sowas ja heute nach Belieben überall ausposaunen, aber es spielt in einer seriösen Debatte keine Rolle.

Postskriptum: die Lino
Ich habe in meiner Hamburger Zeit Ende der 1970er Jahre noch gesehen, wie in einem Zeitungsverlag eine Reihe von solchen Setzmaschinen den Raum mit großem Lärm erfüllten. An der Linotype löste der Setzer über die Tastatur Serien von Matrizen mit Schriftzeichen im Speicher aus.

Linotype: Textzeile aus Matritzen

Die rasselten über Bahnen nach unten, um Zeilen zu ergeben. An der Maschine war ein offener Kocher montiert, über dem eine Kette Bleibarren langsam absenkte, um das Blei zu verflüssigen, mit dem dann die Zeilenblöcke für den Druck gegossen wurden.

[Kontor Krusche]