[Vorlauf] „Herr T., ich grüße Sie!“ Das war eben den guten Sitten geschuldet, denn Markus T. hat mich jüngst auf der öffentlichen Bühne eines Massenmediums wegen meiner Manieren getadelt.

Zitat: „Ich würde es begrüßen, bevor man über die grossen Probleme Zeit diskutiert, das Einmaleins der Grundhlflichkeit lernt. Auch im höheren Alter. Das fängt beim Grüßen an Herr Krusche .. von dem sie augenscheinlich auch nichts halten. Mal darüber nachdenken……“
Ich kenne den Mann nicht, weiß auch nicht, bei welcher Gelegenheit es mir an dieser Höflichkeit gemangelt haben soll, aber es ist ja rührend, daß ein anscheinend junger Mensch sich so um Etikette kümmert. Vor allem hier, durch seinen Einstieg in einen kulturpolitischen Diskurs.
Mit meinem „höheren Alter“, ich bin 70, will ich natürlich wissen, wer mich da vor Publikum zum Tanz bittet. Ich fand eine Vita, die „20 Jahre Berufserfahrung“ nennt. Der Sittenwächter hat also nicht einmal die Hälfte meiner Profi-Laufzeit auf dem Tacho. Und er ist in einer völlig anderen Branche zuhause, war mir auch bisher im regionalen Kulturgeschehen nicht aufgefallen.
Diese Sache hat nun drei interessante Aspekte. Erstens hat mir Markus T. im Bereich der Aufmerksamkeitsökonomie vermutlich einen Boost beschert. Brachte es die Glosse davor („Gleisdorf: Status quo II“) seit dem 23.09.2026 auf 1.414 Zugriffe, so erhielt „Gleisdorf: Lohnt sich Leistung?“ seit dem 25.09.2026 rund die doppelte Anzahl: 2.802 Zugriffe.
Zweitens hat mir Markus T. zu einer Erkenntnis verholfen, die mir bei einer Kulturveranstaltung kurz davor erst zur Ahnung geworden war: Wir haben im regionalen Kulturgeschehen seit einiger Zeit einen Hegemoniestreit. Der Begriff ist allgemein vermutlich nicht besonders geläufig. Kurz gesagt: Es streiten zwei Lager, welche Ansicht zu einer Sache den Vorrang hat, folglich auch darum, wer sagen darf, was der Fall sei.
Da geht es um die Kunstbegriffe und die guten Gründe für den Einsatz vor allem öffentlicher Mittel, da geht es aber auch um Ideologie. (Fundierte Sachkenntnis ist in einem Hegemoniestreit nicht vorrangig.)

Markus T., der Fremde, den ich hätte grüßen sollen, der es also begrüßen würde, daß man auf guten Sitten achtet, „bevor man über die grossen Probleme Zeit diskutiert“, liefert drittens einen Diskurs-Klassiker. Er ignoriert das Thema der Debatte, verzichtet auf Argumente zur Sache (ad rem) und steigt gleich mit einem Argument zur Person (ad personam) ein.
Wir kennen diese Strategie seit der Antike. Sie kennzeichnet den Akteur, der sein Gegenüber direkt angreift, statt die Argumente seines Gegenübers anzugreifen, weil es ihm um etwas anderes geht. Mit den Worten von Psychiaterin Heidi Kastner: „Wollen sie diskutieren oder recht heben?“
Amüsantes Detail
Markus T. lieferte mir mit seinem Tadel anläßlich meiner Glosse gleich das Exempel. Ich schrieb: „Das hat mit der Erwartung von Redlichkeit zu tun. Was heißt das? Ich halte jemanden für eine redliche Person, wenn ich annehmen darf, daß zwischen ihrem Denken, dem Sprechen und dem Tun ein Fließgleichgewicht besteht. Und daß man mir keine verdeckten Intentionen zumutet.“
Herr T. hat mit seinem einzigen Diskurs-Beitrag zur Sache, mit seinem Ad-Hominem-Nümmerchen, gleich demonstriert, wie man seine verdeckten Intentionen in die Öffentlichkeit trägt. Genau das hat mir im Denken auf die Sprünge geholfen.
Es geht kulturpolitisch im Raum Gleisdorf und im Bezirk Weiz derzeit vor allem um Hegemonie. Das lohnt, es sich genauer anzusehen. Und noch alles Gute, Herr T., mit besten Grüßen, ganz der Ihre! Martin Krusche, Sekretär.
Postskriptum
Und wie ist das nun mit der Leistung, die sich lohnen soll?