[Vorlauf] Das Aviso lautete: „Wer sich für Kunst und Kultur interessiert ist eingeladen. Wir bieten ein hochkarätiges Podium und freuen uns auf eine rege Beteiligung des Publikums.“

Dazu dann der Appell: „Zeigen wir auf, dass Kunst und Kultur keine Randerscheinung ist, sondern den Kern unserer Gesellschaft ausmacht!“ Ich kenne freilich keine wirkmächtige öffentliche Debatte, die darauf abzielen würde, Kunst und Kultur als „Randerscheinung“ zu markieren und abzuwerten.
Gleisdorf erlebte nun in kurzer Zeit die zweite Diskurs-Veranstaltung dieser Art, weshalb ich erwartet habe, daß aus meinem Metier konkrete Vorstellungen und Vorschläge auf den Tisch kämen, welche sich mit Kräften aus Politik und Verwaltung debattieren ließen.
Mitte November 2025 war schließlich klar, daß es im Raum Gleisdorf eine kulturpolitische Krise gibt. Nun also Juni 2026. Rund ein halbes Jahr hätte Zeit genug sein können, einen validen Befund auszuarbeiten, ferner eine Idee zu entwickeln, wie und womit auf diese Krise zu reagieren sei.
Es geht freilich nicht bloß um Rationales. Auch Emotionen brauchen Platz. Dazu hätte es mir gefallen, wenn aus den Reihen der Kunstschaffenden unserer Region etwa eine Streitschrift gekommen wäre, womöglich ein Manifest, das zur Debatte stehen könnte. Vielleicht sogar ein Programmpapier.
Status quo
Krise hin oder her, diese grundlegende Arbeit fand offenbar niemand aus meinem Metier der Mühe wert. Dem stand gegenüber, daß man im anderen Sektor gut vorbereitet und einigermaßen präzise war. Ich bin mit der Qualität der Auskünfte seitens Politik und Verwaltung halbwegs zufrieden gewesen. Da kam Klartext, an dem ich mich orientieren kann. Fehlte noch was?

Staat, Markt und Zivilgesellschaft… Naja, Politik und Verwaltung (Staat) haben also Auskunft gegeben. Der nächste Sektor, das Unternehmertum, wurde dann allerdings mit einer völlig verallgemeinernden Tirade über Profitgier und Turbokapitalismus einfach zur Seite gewischt. (Daran fand der Moderator nichts Irritierendes.)
Sind nicht erfolgreiche Unternehmen mit leitenden Kräfte, denen an Kunst wie an Kultur etwas liegt, für mich als Künstler unverzichtbare Kooperationspartner? Ich handle hauptsächlich mit symbolischen Gütern, Wirtschaftstreibende vor allem mit konkreten, nützlichen Gütern und Dienstleistungen. Von welchem Synergiepotential könnten wir da reden?
Aus dem Surplus gut gehender Geschäfte kommen mitunter jene Gelder, dank derer kulturell allerhand bewegt werden kann. Was leistet man nun als pauschalierende Künstlerin a) inhaltlich und b) sozial bei einem Prozeß, in dem man jene demonstrativ verachtet, deren Mittel man begehrt? Mit wem soll ich Fragen nach Verteilungsgerechtigkeit sinnvoll verhandeln, wenn nicht auch mit Geschäftsleuten?
Dazu die wiederkehrend offene Frage, ob wir kategorial überhaupt zu unterscheiden vermögen: Was unterscheidet a) Subventionen, b) Sponsorgelder und c) Gaben eines Mäzens voneinander? [Fortsetzung]
+) Die 16.06.26-Session (Veranstaltungsübersicht)
+) Gleisdorf: Kulturpolitik
Postskriptum
Das KI-generierte Bild am Seitenanfang zeigt mich in der Debatte mit Markus Lüpertz, dessen Kunstverständnis nach meinem Geschmack ist. Ich hatte in meinem Logbuch am 28. März 2019 notiert, was mir an seinen Ansichten zusagt:
+) Die Kunst beschäftigt sich hauptsächlich mit sich selbst.
+) Sie ist immer Renaissance, stellt sich den Jahrhunderten.
+) Sie ringt dabei mit sich und den Fragen nach Qualität, nach Vollendung.
[Quelle]