Eine Krise ist nicht das Problem, sondern der deutliche Hinweis, daß ein Umbruch in Gang gekommen ist. Erst dann klären wir im eigenen Handeln, ob wir nun Richtung Katastrophe oder Katharsis gehen.

Etwas hemdsärmeliger ausgedrückt: Ist die Lawine erst einem losgetreten (Krise), entscheiden wir durch unser Verhalten, ob wir sie surfen (Katharsis) oder ob sie uns wegreißt und begräbt (Katastrophe).
Wenn also eine Lawine rollt, sollten wir das Camp im Jammertal verlassen. Wir brauchen Ideen für die Phase der Transition, welche erst endet, wenn die Lawine zum Halten gekommen ist. Daher müssen wir in dieser kulturpolitischen Krise zweierlei in Angriff nehmen. Die Transitionsphase sofort, um in ihr die Grundlage für kommende Lösungen zu schaffen. Und dann das Spezielle…
Weshalb die Lawine als Metapher?
Ich meine, dieser eben skizzierte Prozeß läßt sich keinesfalls abkürzen. Jens Rehländer notierte zur Frage „Wie überlebt man eine Lawine?“ einen wichtigen Satz, den wir als Gleichnis übernehmen können: „Hauptsache: oben bleiben!“ Also die Lawine surfen, statt sich wegreißen zu lassen. Was gilt es real, aber auch metaphorisch zu vermeiden?
Rehländer: „Ihre Opfer wirft die Lawine in eine Rotationsbewegung: Während der oft viele hundert Meter langen Fahrt werden die Menschen mal nach oben, mal nach unten gerissen, um die eigene Achse gedreht. Sie verlieren jede Orientierung.“ [Quelle]
Zu diesem Surf-Gebot kommt noch eine zweite, eine besondere Aufgabe. In welche Richtung sollen wir die nächsten Schritte setzen, um in die Nähe dessen zu kommen, was jetzt noch nicht gedacht werden kann? Ich mißtraue jedem, der nun behauptet, er habe schon Lösungen.
Solchen Leuten empfehle ich, sie sollen ihre Kunststückchen auf dem nächsten Jahrmarkt feilbieten. Ich will daher auch nicht von der Politik den Eindruck vermittelt bekommen, man wüßte jetzt genau, wie es weitergeht. Transition bearbeiten, zum nächsten Horizont hin ergebnissoffen agieren!
Staunen und fragen
Eine massive Krise, und das ist momentan der Fall, legt das nahe, womit seit jeher alle Philosophie beginnt: staunen und fragen. Es gilt zu klären: Was ist nun eine gute Frage? Aber was ist konkret zu tun? Ganz einfach. Um Probleme bearbeiten zu können, brauche ich taugliche Befunde: Was genau ist das Problem?
Dazu die Fragen: Was nützt uns dabei noch an altem Wissen, an bisherigen Erfahrungen? Wo müssen wir neuen Ideen Platz machen, die noch nicht vorhanden sind? Also wieder: Wie können wir uns aktiv dem annähern, was im Moment noch nicht gedacht werden kann?
Zum Auftakt solcher Arbeit möchte ich daher Überlegungen hören, worin genau unsere Probleme im Augenblick bestehen, wer sich für welchen Aspekt davon zuständig fühlt und was an Ideen für den Prozeß der Transition vorhanden ist. Niemand kann in der aktuellen Krisenerfahrung schon zukunftsfähige Lösungsvorschläge haben. Wer das vorgibt, zeigt eine Arroganz, die nutzlos Kräfte verbraucht.
Ich hatte zu unserem 2017er Kunstsymposion („Artist Is Obsolete“) Emeritus Hermann Maurer, einen heute 85jährigen Informatiker, für einen Vortrag gewonnen: „Wir haben zu wenig Phantasie“.
Daran lag mir, weil Maurer die Auffassung vertritt: „Vieles, was vorausgesagt wurde, ist nicht gekommen. Vieles, was gekommen ist, wurde nicht vorausgesagt.“ Siehe zu jener Session auch Maurer NID-Booklet: [Link]
Kommt mir also jetzt nicht mit Lösungen! Helft erst einmal einander, die Problemlage zu verstehen und das vorhandene Know how zu überprüfen; ob es denn überhaupt auf die jetzige Problemlage anwendbar ist. Dann sehen wir weiter.
+) Gleisdorf: Kulturpolitik (Übersicht)