Nachrichten von der Voodoo-Fraktion, im „Spiegel“ veröffentlicht: „Aber es gehört als Künstler dazu, anzuecken“. Das sagte Tom Kaulitz. Nein. Gehört es nicht. Das ist auch keine fundamentale Kategorie der Kunst, sondern ein soziales Element.

Ich finde diese zwei Kaulitzen ja recht lustig, wie sie sich da auf das Feld der Kunst reklamieren, um diese Teenager-Sache ins Erwachsenenalter herüberzuholen: Anecken als angebliche Qualität.
Hab ich so ähnlich eben erst im Gleisdorfer Rathaus erlebt. Da stand ein kultureller Beschwerdeführer (60 plus) auf und sagte vorweg: „Jetzt der Schwierige“. Leute mit ungelösten Autoritätsproblemen rennen ja im Rudel herum.
Aber die Kaulitze. Freilich kostümieren sich Leute aus der Unterhaltungsindustrie ganz gerne mit dem Kunstfähnchen. Wir kennen das in prominenter Form etwa von Industrieprodukt Andreas Gabalier. Macht nichts. Künstler oder Künstlerin… Es gibt da keinen Markenschutz. (Wozu auch?)
Ich hab schon so manchen Kaschperl erlebt, der sich als „Künstler“ verkleidet, um sich irgendwo ein Stück Sozialprestige rauszureißen oder einen Marketings-Effekt zu generieren. Dazu allerhand romantischer Schmus, den ich auch in meinem Milieu gelegentlich höre.
Daß Künstler eben „Individualisten“, auch „Nonkonformisten“ seien, und die Künstlerinnen womöglich, wenn wir schon bei verstaubten Klischees sind, „Radikalfeministinnen“, wahlweise ernst blickende Matronen oder Hyperfrauen, die Sexyness und Kunst kombinieren.
Meine Erfahrung besagt: Wo ein Künstler sich als Bürgerschreck kostümiert, steckt meist ein Spießer in den Klamotten. Zugegeben, das ist nun alles ein wenig polemisch. Ich habe es mit meiner Identität einfacher. Ich lebe in der Kunst. Das ist die inhaltliche und emotionale Seite. Ökonomisch bin ich als Freelancer EPU: Ein-Personen-Unternehmen.
Broterwerb und Kunst
Da der Broterwerb keine Kategorie der Kunst ist, kann ich das ganz unaufgeregt einordnen. Ab einem jährlichen Nettogewinn von € 13.539,- bin ich verpflichtet, mit dem Finanzamt zusammenzuarbeiten und meine Steuerpflicht zu erfüllen.

Zwölf Mal netto € 1.827,- gelten in Österreich als Armutsgefährdungsschwelle. Über diese Schwelle bin ich die letzten rund 50 Jahre nur selten hinausgekommen. Diesen Preis habe ich für ein sehr hohes Maß an Selbstbestimmung zu bezahlten, gewürzt mit sozialer Unsicherheit. (Ich finde diesen Deal okay.)
Wir EPU-Leute machen – laut Wirtschaftskammer – übrigens das Gros heimischer Betriebe aus. Aktuell ergeben die EPU 62,1 von hundert Prozent. Gemeinsam mit den KMU, also den Klein- und Mittelbetrieben, machen wir 99,7 von hundert Prozent aus. Der Rest sind die großen Tanker.
That’s our job!
Ich weiß schon, es sind schwierige Zeiten. Sie finden mich im Lager von Toni Morrison, die meinte: „This is precisely the time when artists go to work – not when everything is fine, but in times of dread. That’s our job!” Das meint kein Jammern, sondern: „No Place for Self-Pity, No Room for Fear. In times of dread, artists must never choose to remain silent.“
Ich mag dieses Selbstverständnis der Morrison: „I know the world is bruised and bleeding, and though it is important not to ignore its pain, it is also critical to refuse to succumb to its malevolence. Like failure, chaos contains information that can lead to knowledge – even wisdom. Like art.“