Gleisdorf: Debattenkultur I

Nicht bloß der Gleisdorfer Florianiplatz ist eine Baustelle, ganz Gleisdorf ist eine Kulturbaustelle. Ich halte das für die gute Nachricht.

Jede Veränderung erzeugt Widerstände.

Sowas weckt die Geister und scheucht manche Kulturleute von ihrer Couch herunter. Die Welt hat sich ja seit dem Jahr 2000 einige Male weitergedreht. Aktuelle Entwicklungen lassen zutreffend von einer Zeitenwende sprechen, die praktisch alle Lebensbereiche erfaßt hat.

Das verlangt eventuell, unsere Grundlagen zu überprüfen, die eigene Prioritätenliste zu überarbeiten und sich selbst über die Tauglichkeit sowie die Qualität vorhandener Allianzen Auskunft zu geben. (Wer ausgerechten in der Kunst auf „business as usual“ setzten möchte, braucht vielleicht einen geschützten Arbeitsplatz.)

Wo steht die Debatte?
Ich kenne aus dem Amerikanischen den Begriff Backseat Driver. Das meint eine Person, die zwar nicht am Steuer sitzt, also Verantwortung für die Fahrt trägt, aber durch Kommentare darauf Einfluß zu nehmen versucht. Wie komme ich darauf? Kulturpolitik heißt sicher nicht, daß wir den politischen Kräften zurufen, was sie tun sollen, um unsere Probleme zu lösen.

Ich hab am 16. Juni 2026 eine Diskussionsveranstaltung im Gleisdorfer Rathaus besucht… Und vorzeitig verlassen. Auf dem Programm stand „Öffentliche Diskussion: Was ist uns die Kultur wert?“ Und: Publikumsbeteiligung.

Der erste Teil war davon bestimmt, daß wir auf dem Podium jene drei Sektoren der Gesellschaft vertreten sahen: Staat, Markt und Zivilgesellschaft. Das meint: Politik und Verwaltung, Wirschaftstreibende und schließlich Privatpersonen, wahlweise Rechtspersonen.

Für die Politik waren da Gleisdorfs Bürgermeister Christoph Stark und Vizebürgermeisterin Katharina Schellnegger. Für die Verwaltung Evelyn Kometter, Leiterin des „Referat Kunst, Kulturelles Erbe u. Volkskultur“. Für die Wirtschaft sowie für die freie ARGE Kulturpakt der Unternehmer Ewald Ulrich. Als Privatperson die Puppenspielerin Elfi Scharf.

Science Fiction-Autor Jürgen Kapeller, etwas erschöpft.

Die Moderation lag bei Gernot Rath, dem Leiter „Kultur und Kommunikation ORF Steiermark“. Unter den Gästen übrigens auch Lidija Krienzer-Radojevi?, Geschäftsführerin der IG Kultur Steiermark.

Ich erwarte mir bei so einer Veranstaltung von den exponierten Personen zweierlei: a) Sachkenntnis und b) intellektuelle Selbstachtung. Zu meinen grundlegenden Auffassungen gehört diese: Bitte um Genauigkeit in der Argumentation. Wenn wir keine klaren Begriffe haben, wissen wir nicht, wovon wir reden. Ist mir etwas unklar, frage ich nach.

Betrifft: Modus
Ich möchte an so einem Abend nicht mit Polemik behelligt werden. Mir liegt an einem validen kulturpolitischen Diskurs, nicht am Besuch einer Psychodramagruppe. Ich halte das auch für eine Frage der Professionalität. Ein praktisches Kriterium hat dazu Psychiaterin Heidi Kastner einst so formuliert: „Wollen Sie diskutieren oder recht haben?“ [Fortsetzung folgt!]

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