Ein Statement von Csaba Gloner
Als ich in Ungarn lebte, hielt mich vom Coming-out nicht die Angst davor zurück, dass Andere es erfahren und wie schlimm es sein würde, öffentlich zu einer Minderheit zu gehören.

Ehrlich gesagt habe ich gar nicht daran gedacht, dass man sowas öffentlich überhaupt erzählen kann, so kam es mir lange Zeit gar nicht in den Sinn, irgendjemandem außer meiner Frau zu erzählen, wie ich mich innerlich fühle. Wie brutal aufgezwungen, verletzend und quälend ich die männliche Rolle empfinde, in der ich lebe. Wie anders ich die romantischen Beziehungen zwischen Menschen sehe, wie schwer es für mich ist, durch die binäre Welt von Männern und Frauen zu navigieren, in der die Geschlechterrollen so scharf getrennt sind.
Rückblickend ist es unglaublich, dass ich mir kaum vorstellen konnte, dass man aus diesem eingesperrten Zustand ausbrechen kann. Dass ich gedacht habe, dass man sowas nur verschweigen kann. Unglaublich, denn ich war ein denkender Mensch, ich habe mich informiert und war mir bewusst, dass es im Westen, aber sogar in Ungarn Menschen gibt, die völlig offen über genau das sprechen, was in der Frage sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität auch in mir vorgeht.
Für mich blieb es dennoch nur ein Traum, frei(er) zu leben, mich nicht in eine starre Männerrolle zwängen zu müssen und das es OIK ist, wenn ich mich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühle. Es ist krass, darauf zurückzuschauen, aber ich bin nicht einmal so weit gekommen, es für mich selbst zu formulieren: “Das ist für mich unerreichbar.” Die Gedanken kamen gar nicht erst in Gang, da ich nicht wusste, dass man darüber überhaupt Gedanken machen kann. So sehr war ich eingesperrt. Es gab immer nur die Träumerei, weil das so einfach war, ich musste nichts dafür tun, niemand verurteilte mich für meine Träume. Ich verletzte nur mich selbst damit, dass ich mich eingesperrt habe.
Aber was genau hat mich zurückgehalten? Fast fünf verdammte Jahrzehnte lang? Wenn ich jetzt aus einer unabhängigen Perspektive darauf schaue, fällt mir sofort etwas auf. Die Geheimhaltung meiner sexuellen Identität und Orientierung war eng mit anderen Geheimnissen verflochten, vor allem damit, dass ich auch geheim hielt, dass ich Atheist bin. Während des Sozialismus fing ich wegen einiger Familienmitglieder (nicht meiner Eltern) an, in den Religionsunterricht zu gehen, und besuchte dann auch ein katholisches Gymnasium.
Obwohl ich erst 14 war, hätte ich Nein sagen können. Aber ich ließ mich beeinflussen, passte mich der Masse an und versuchte sogar, mir die offensichtlichen Absurditäten, die ich in der Bibel und in den Katechismen las, irgendwie ins Hirn zu hämmern. Ständig suchte ich den Fehler in mir selbst und nach außen hin zeigte ich, dass ich alles tue, um ein guter Katholik zu sein, auch wenn es mir extrem schwerfiel.
Fast fünfzig Jahre lang habe ich mich damit gequält, dass mit mir etwas gewaltig nicht stimmt und ich deshalb innerlich völlig anders funktioniere als die Welt draußen. Dass ich deswegen sündig wäre und verdammt würde, habe ich nie geglaubt, aber es ist schwer zu akzeptieren, dass es eigentlich kein großes Hindernis gab und ich Nein hätte sagen können, dass ich so hätte leben können, wie ich wollte – es aber trotzdem nicht getan habe.
Warum? Warum? Warum?
Z. B. hätte ich schon Anfang der 90er Jahre in den Westen ziehen können, wie das viele andere Ungar:Innen taten, aber auch das ist wieder etwas, das mir praktisch gar nicht in den Sinn kam. Ich bin mit dem Strom geschwommen. Ich habe mich von der katholischen Kirche verar…en lassen, habe von der Religion Beruhigung erwartet – was natürlich nicht funktioniert hat, weil ich ausschließlich falsche, gelogene Beruhigung bekommen habe. Es war wie eine Droge, ohne schädliche körperliche Nebenwirkungen, aber dafür mit umso mehr seelischen. Was natürlich auch wieder auf den Körper zurückwirkte, also…
Diese Quälerei endete, als mir klar wurde, dass die Vertuschung der in Boston und anderswo aufgedeckten pädophilen Verbrechen in der Kirche auf Systemebene funktioniert. Ich wollte nie wieder zu ihnen gehören. Der Film Spotlight wurde für mich zu einem Schlüsselerlebnis, weil er so sehr mit dem übereinstimmte, was in meinem Inneren passierte. Als die investigativen Journalisten herausfanden, dass es nicht nur um ein oder zwei Personen ging (die Untersuchung in Boston deckte auf, dass allein in dieser Stadt mehr als 250 Priester sexuellen Missbrauch an über 1000 Kindern begangen hatten und der Vatikan sie jahrzehntelang systematisch schützte), erkannten sie, dass dies ein systemisches Problem ist, ein Systemfehler, das sich wahrscheinlich nie lösen wird, solange die Kirche existiert. Mir wurde endlich klar, dass das ganze System auf Lüge und Vertuschung aufbaut, während sie nach außen hin Liebe predigen.
Genauso wurde mir auch klar, was ich mir fünfzig Jahre lang angetan hatte. Und was dasselbe System mit mir gemacht hat, das diese himmelschreienden Verbrechen vertuscht und gleichzeitig versucht, Menschen als sündig und sogar abstoßend darzustellen, nur weil sie zur LGBTQ-Community gehören und anders leben als die Mehrheit. Wie können es Leute wagen, sich in das Leben anderer einzumischen, die Teil eines seelisch verkrüppelnden Systems sind?
Um mich endlich zu öffnen und einzusehen, dass der Fehler nicht bei mir liegt, musste ich jeden trügerischen religiös-spirituellen Wahnsinn hinter mir lassen, und auch Ungarn. In Österreich verstecke ich endlich weder meinen Atheismus noch meine Identität.
Auch wenn ich zu mir selbst stehe, gehöre ich hier in Österreich ebenfalls zu einer Minderheit. Auf der ganzen Welt gehöre ich zu einer Minderheit. (Der Fakten halber: Heute wird in 64 Ländern der Welt eine gleichgeschlechtliche Beziehung gesetzlich bestraft, und in fast einem Dutzend dieser Staaten steht darauf die Todesstrafe). Aber da es hier in Österreich eine Demokratie gibt, werden die Minderheiten von der Mehrheit akzeptiert. In meinem Leben wird es mit ziemlicher Sicherheit keine Welt mehr geben, in der die Mehrheit überall auf der Erde akzeptieren würde, wie ich denke.
Aber trotzdem möchte ich daran arbeiten. Dass die Art und Weise, wie jemand leben möchte, anderen kein Dorn im Auge ist. Und dass sie verstehen: Wenn sie denken, dass es irgendeine Sünde oder Krankheit ist, schwul oder trans zu sein, dann denken sie das nur, weil auch sie verar…t wurden. Und zwar gewaltig. Von den Kirchen, den Politikern, den primitiven Meinungsmachern, den Orbáns und seinesgleichen.
Ich könnte furchtbar hässliche Dinge darüber sagen, und ich glaube, das werde ich auch oft tun.
Natürlich erreicht das, was ich sage und schreibe nicht allzu viele Menschen. Und von denen, die es erreicht, lacht mich ein großer Teil aus, spuckt auf mich, oder sogar, wie jemand schrieb, kotzt im Strahl, wenn er nur an dieses Thema denkt. Ich werde diesen Text auch ins Ungarische übersetzen, ich habe eine Seite, mit der ich Ungar:Innen, die nach Österreich ziehen, helfe, da habe ich mehr als 15.000 Follower. Vielleicht beeinflusst das was. Vielleicht wird zumindest eine Person, die jetzt Hass verbreitet, mal darüber nachdenken, dass er/sie es nicht mehr tun sollte. Vielleicht. Hoffentlich. Das wäre schön.
Die Spuckenden, Kotzenden und Lachenden zu ertragen, ist schwer. Auch deshalb, weil ich weiß, wie viele sich ihretwegen immer noch einschließen und sich nicht trauen, sich zu öffnen. Aber gleichzeitig geben diese schwer erträglichen Menschen auch Kraft. Jeder einzelne Lach-Smiley, jeder einzelne primitive Kommentar gibt mir Kraft und zeigt mir, dass es noch viel zu tun gibt. Und trotz alledem ist es ein gutes Gefühl, dass es doch schon viele Menschen gibt, auch in Ungarn, die nicht hassen, sondern nachsehen, nachlesen, verstehen, kommunizieren und daran arbeiten, dass die Welt zu einem friedlicheren, besseren Ort wird.
Happy Pride!
Postskriptum
Der 1. Juni gilt als Beginn des Pride Months, in dem engagierte Menschen ein starkes und weithin sichtbares Zeichen für Toleranz und Akzeptanz setzen möchten. Eine Position gegen die Anfechtngen queerer Lebensformen.
+) Otthon Ausztriában | Zuhause in Österreich
+) Siehe in dem Zusammenhang auch: Orange